Vom Osterspaziergang zur Flash-Fiction-Story

Am Anfang war es nur ein Spaziergang in Rockenhausen …

Ich habe alles erledigt, was ich in unserem Städtchen erledigen wollte, und noch ein bisschen Zeit, bevor ich mit Sonny ins Training fahren muss. Zeit für einen Spaziergang im Degenbachtal. Oder doch lieber am Appelbach?

 

über die Brücke …

… und unter der Brücke durch …

 

Ich beschließe mein Auto auf dem Rognacplatz stehenzulassen, der Kreuznacher Straße über die Bahngleise zu folgen und auf den Radweg abzubiegen, der parallel zur B 48 durch die Wiesen hinter Rockenhausen führt. Keine besonders sehenswerte Route, aber ich kann einen Fuß vor den anderen setzen und meine Gedanken spazieren gehen lassen.  

Direkt hinter der Brücke begegnen wir einem Jogger, dann sind wir allein. Ich schreite flotter aus. Sonny hat offenbar Spaß an dem Tempo. Im Zuckeltrab trottet sie neben mir her, schaut nicht nach rechts oder links und interessiert sich nicht einmal für die Löcher der Mäuse am Rand unseres Weges.

Ich bin mit meinen Gedanken bei meiner neuen Geschichte. Was wird aus meiner Protagonistin, wenn sie ihre Reise beendet hat? Bleibt sie bei ihren Macho-Mann oder trennt sie sich von ihrer Familie? Arbeitet sie weiterhin im Fitness-Studio ihre Freundin als Abnehmtrainerin oder wagt sie einen zweiten Versuch als Gesprächtherapeutin? Kauft sie sich wirklich einen alten Bus, und lässt ihn zur rollenden Praxis umbauen?

Das Rauschen der Autos hinter den dicht belaubten Hecken verwandelt sich in das Brausen eines gewaltigen Stroms. Von irgendwo tönt das Stampfen eines Rheinschleppers, der in Wirklichkeit vermutlich ein Traktor ist, zu mir herüber. Ich gehe noch schneller, und Sonny muss die Beine lang machen, um mit mir Schritt zu halten. Meine Gedanken fliegen …

bis zur Unterführung an der Kläranlage.

Und plötzlich wird eine Geschichte daraus …

Ein gewaltiges Krachen holt mich in die Wirklichkeit zurück. Der Himmel ist nachtschwarz, dicke Regentropfen klatschen schmerzhaft auf meine nackten Arme. Ich bleibe stehen, versuche, mich zu orientieren, aber inzwischen ist es so dunkel, dass ich nur ein paar Meter weit sehen kann. Wenn wir schnell zurück rennen, erreichen wir die Brücke vielleicht noch, bevor wir völlig durchnässt sind. 

„Komm, Sonny.“

Aber sie hat offenbar eine andere Idee. Mit aller Kraft zieht sie mich weiter voran. Im Licht eines Blitzes sehe ich, dass der Weg zu einer Unterführung abbiegt. Kurz bevor der Himmel seine Schleusen öffnet, erreichen wir die schützende Röhre.

Der Regen fällt so dicht, dass die Gebäude auf der anderen Seite der Unterführung hinter einer Wasserwand verschwinden. Sturmböen peitschen Regenschauer, Blütenblätter, Zweige und eine Zeitung zu uns herein. Blitze zucken über den Himmel und erleuchten unsere Zuflucht mit ihrem harten, grellen Licht, bevor die gebogenen Wände mit ihren Graffitis wieder im Dunkel der frühen Nacht versinken. Dazu kracht und rumpelt der Donner, als wolle die Welt untergehen.  

So plötzlich wie es angefangen hat, endet das Unwetter auch wieder, aber es ist dunkler, als es um diese Zeit sein sollte. Und kälter. Mist! Ich hätte eine Jacke mitnehmen sollen …

Ich beschließe, auf dem schnellsten Weg zum Auto zurückzulaufen und dort zu entscheiden, ob ich heute noch ins Training oder lieber gleich nach Hause fahre. Ich folge der Bezirksamtstraße bis zur Brücke, wechsle die Straßenseite und biege auf den Rognacplatz ein. Sechs Glockenschläge klingen von St. Sebastian herüber, aber es ist so dunkel, als hätten wir schon neun oder halb zehn. Die Straßenlaternen brennen, die Schalterhalle der Bank erstrahlt in neonweißem Licht, und auf dem Gehsteig vor der Bücherei stehen Leute. Es sieht so aus, als würden sie auf etwas warten. Eine Lesung vielleicht? Sie reden miteinander, dann höre ich sie lachen. Ein kalter Windstoß schüttelt Wassertropfen von den herbstgelben Blättern der Platanen und lässt mich frösteln, aber die Neugier treibt mich weiter.

Die Fenster der Bücherei sind festlich erleuchtet. Die Lichtkette zwischen Backbüchern, einer Napfkuchenform und Ausstechern lässt mich schmunzeln. Es sieht aus, als ginge es schon auf Weihnachten zu. Auch an den vier übereinander gestapelten Weinkisten in der Ecke des zweiten Fensters hängt eine Lichterkette. Mein Nussknacker steht in der mittleren Kiste, daneben liegt ein Buch. Ausgerechnet Weihnachten lese ich auf dem Cover. Das ist mein Buch, mein zweiter Manne-Band. In den Kisten darüber und darunter sind die anderen beiden Bände zusammen mit meiner italienischen Espressomaschine, der großen gelb-violetten Tasse und dem gestrickten Alpaka ausgestellt.

„Macht sich gut, nicht wahr?“ Eine Frau löst sich aus der Gruppe vor dem Eingang und kommt mir entgegen. „Schön, dass du es noch geschafft hast.“ Ich weiß, dass ich sie irgendwoher kenne, aber ich weiß nicht, wo ich sie hinstecken soll.

„Eigentlich bin ich nur zufällig noch hier. Ich sollte längst auf dem Hundeplatz sein. Aber das Gewitter …“

„Das war aber auch ein Donnerwetter. Ich bin froh, dass Jakob heute abend mitgekommen ist. Wenn ich es mit meinem Moped versucht hätte, hätte mich der Sturm glatt von der Straße gefegt.“

Mein Moped? Jakob …?

„Manne …?!“

„Der Groschen ist aber pfennigweise gefallen.“ Sie lacht, und es klingt genau so wie ich es mir vorgestellt hatte. „Ich dachte du kommst auch, um dir Sonjas Geschichte anzuhören.“

„Sonjas Geschichte …?“

Manne deutet auf das Plakat, das neben den Holzkisten im Fenster hängt.

680 Kilometer zurück ins Leben, steht in schwungvollen Lettern quer über einer stilisierten Aquarell-Landschaft und darunter: Eine Reise von Wittstock nach Königswinter mit drei unerschrockenen Frauen, vier minderjährigen Herumtreiberinnen, acht unreitbaren Islandpferden und einem eigenwilligen Dobermann. Sonja König liest aus ihrem aktuellen Roman.

Sonja König ist die Protagonistin aus meinem aktuellen Roman. Wie kann sie heute abend hier sein und aus ihrem Roman lesen? Ein Roman, den ich noch gar nicht geschrieben habe. Über den ich noch nicht einmal nachgedacht habe!

„Das geht nicht. Zuerst schreibe ich Sonjas Geschichte über den Bergischen Weg fertig, dann warten erst noch drei Manne-Romane auf mich.“

„Wie? Das geht nicht.“ Die letzten Sätze habe ich offenbar laut ausgesprochen. Die kleine stämmige Frau mit dem verschmitzten Lächeln sieht mich mit strenger Oberlehrermiene an. Zumindest versucht sie es, aber stattdessen prustet sie vor Lachen. „Seit wann entscheiden denn die Autorinnen, was ihre Geschichten machen? Und mit meinen Romanen kannst du dir ruhig Zeit lassen. Auf den Stress, den du mir und Jakob im vierten Band zumutest, haben wir nämlich alle beide keine Lust.“

 

P.S.: Nein, in Wirklichkeit gab es kein Gewitter, auch wenn die Bezirksamtstraße ziemlich verhagelt aussieht …  😉

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