Sonja – Roman
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Was die Leser im ersten Kapitel erfahren:
– Sonjas Mann, der in Hamburg arbeitet, kommt sowieso nur an den Wochenenden nach Hause,
– ihre älteren Töchter Laura und Jana sind ausnahmsweise auch heimgekommen,
– Jana hat einen Hund mitgebracht, der vorübergehend in ihrer WG untergebracht ist,
– und Sonja will die Gelegenheit nutzen, um den gemeinsamen Osterurlaub zu planen …
Zwei
Samstagsmorgens war es normalerweise totenstill im Haus König. Sonja war die einzige, die auch am Wochenende so früh wach wurde, dass sie kurz vor sieben, ins Wohnzimmer hinunterging, um ein paar Yogaübungen zu machen und dem Meditationsimpuls von ihrer Yoga-App wenigstens einmal pro Woche zu folgen.
Heute war es oben unruhig. Ihre Männer konnten es nicht sein. Als sie aus dem Schlafzimmer geschlichen war, hatte Klaus noch tief und fest geschlafen, und Joshua hatte sein Zimmer unten im Keller. Es klang so, als würde sich entweder Jana oder Laura auf der Suche nach der richtigen Position zum Weiterschlafen in ihrem Bett hin- und herwälzen.
Als sie ihre Yoga-Matte ausrollte, hörte sie, wie oben eine Türklinke niedergedrückt wurde. Sie überlegte, ob sie die Matte wieder in die Ecke stellen sollte, bis sie wusste, welcher frühe Vogel um diese Zeit schon sein gemütliches Nest verließ. Jana würde ihr sportliches Engagement loben und gnädig über ihre Speckrollen hinwegsehen. Aber wenn Laura Zeugin ihrer Bemühungen um etwas mehr Beweglichkeit würde, bekämen beim Frühstück alle zu hören, dass sie die Position des niederblickenden Elefanten und des Pandabärchen-Krieger so perfekt beherrschte, dass sie anstelle ihrer Psycho-Praxis besser ein Yogastudio eröffnen solle.
Inzwischen waren die Geräusche wieder verstummt, und sie entschied, auf die Kommentare ihrer Lieben zu pfeifen und den Tag mit einem Sonnengruß zu beginnen. Während sie ihren Hintern mit einem leisen Ächzen zum herabschauenden Hund hochwuchtete, glaubte sie, ein Tapsen auf der Treppe zu hören, und als sie sich in den Vierfüßlerstand plumpsen ließ, um nicht allzu albern auszusehen, wenn Laura oder Klaus herunterkommen würden, blickte sie in zwei goldbraune Augen, die sie mit skeptischer Aufmerksamkeit musterten.
„Guten Morgen, Mannix.“ Sie hatte völlig vergessen, dass ein Hund im Haus König zu Gast war. Dass der Dobermann ihren Gruß nicht erwiderte, erstaunte sie nicht sehr, dass er die Nase kraus zog und darunter plötzlich vier kleine, blendend weiße Zähne zum Vorschein kamen, erschreckte sie umso mehr.
„Jana“, rief sie, ohne den Blick von dem Hund abzuwenden. „Komm mal bitte runter.“
Oben rührte sich nichts, aber Mannix beantwortete ihren Hilferuf mit einem kehligen Knurren. Dabei konnte sie nicht nur seine Schneidezähne bewundern sondern auch die beiden Eckzähne, die mindestens so lang waren wie eins ihrer Fingerglieder.
„Oh Gott!“ Ihr wurde plötzlich schwarz vor Augen. Sie fürchtete, ohnmächtig zu werden und ließ
sich zu Boden sinken.
„Jana …“ Ihre Stimme war nur noch ein heißeres Flüstern.
Die Krallen des Hundes tappten über die Yogamatte und sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken. Sie dachte kurz darüber nach, schreiend und wild gestikulierend aufzuspringen, in die Küche zu rennen und die Tür hinter sich zuzuschlagen. Vielleicht würde sie ihn damit so verblüffen, dass er die Verfolgung nicht sofort aufnahm. Ein winziger Vorsprung würde ihr genügen, um sich in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig wusste sie, dass allein der Gedanke an eine Flucht vor diesem Ungeheuer lächerlich war. Es würde sie zerfleischen, bevor sie ihre fünfzehn Kilo Übergewicht auch nur ansatzweise vom Boden hochstemmen konnte. Mit einem leisen Schluchzen sackte sie in sich zusammen. Im Geist konnte sie schon das Blut sehen, das über den Rand ihrer Yogamatte rann und im Teppich versickerte.
„Mama!“ Janas Stimme holte sie aus der Welt der Alpträume in die Wirklichkeit zurück. „Was machst du denn da auf dem Boden?“
„Nimm das Vieh da weg“, keuchte sie, ohne den Kopf vom Boden zu erheben.
„Kein Stress. Mannix ist kein Vieh und er will überhaupt nichts von dir. Er liegt einfach nur neben dir und schaut dir bei deiner Gymnastik zu.“
„Tu. Ihn. Da. Weg.“
„Mannix, komm zu mir. Komm, mein Schatz.“
Sonjas Todesangst verwandelte sich in glühenden Zorn, als sie ihre Tochter mit der Untier, das sie in ihrem eigenen Haus überfallen und bedroht hatte, reden hörte, als wäre es ein Kind. Immerhin entfernten sich seine klackernden Tritte in Richtung Treppe.
„Guter Junge!“
„Von wegen guter Junge“, grollte sie, während sie sich von ihrer Yogamatte hochrappelte und auf
den nächstgelegenen Stuhl plumpsen ließ. „Er hat mich angeknurrt.“
„Ach Mama, du übertreibst.“ Jana rollte mit den Augen, als wäre sie wieder der Teenager, an dem jede mütterliche Intervention abperlte wie Wasser an einem Regenmantel. „Mannix ist eine Seele von Hund. Er kann keiner Fliege etwas zuleide tun. Das war sicher nur ein Missverständnis.“
„Vermutlich.“ Sie wusste, dass sie im Wettstreit um das Mitgefühl ihrer Tochter keine Chance gegen das Tier hatte und schluckte ihren Ärger hinunter. „Wie bist du eigentlich zu diesem Hund gekommen? Du hast gestern nicht viel darüber erzählt.“
„Pfft!“ Sie blies die Backen auf und ließ die Luft geräuschvoll entweichen. „Als ob
Normalsterbliche zu Wort kämen wenn sie mit meiner Schwester und unserem Erzeuger an einem Tisch sitzen.“
Sonja nickte nur. Mit ihren Eifersüchteleien hatten die beiden Schwestern früher ein gemütliches Familienfrühstück ebenso zuverlässig platzen lassen wie einen lange geplanten Ausflug oder ein Familienfest. Seit sie erwachsen waren, war es ruhiger geworden, aber das lag nicht daran, dass sie mehr Verständnis füreinander entwickelt hätten, sondern dass sie sich nicht mehr so oft in die Quere kamen, seit Laura in Wiesbaden und Jana in Bonn wohnte.
„Dann erzähl es mir jetzt“, ermunterte Sonja ihre jüngere Tochter. „Vielleicht klärt sich dann ja auch
das Missverständnis zwischen Mannix und mir.“
„Er ist in der Tat ein bisschen schwierig“, gab Jana zu. „Aber er hatte es auch nicht leicht. Er hat seinen Job und seine Familie verloren. Kein Wunder, dass er nach diesen Schicksalsschlägen erst mal völlig depri ist.“
Sonja hatte Mühe, sich ein Schmunzeln zu verkneifen. Das mitfühlende Wesen hatte ihre Tochter zweifellos von ihr, aber einem Hund Depressionen anzudichten, ging vermutlich doch zu weit.
„Mannix hatte einen richtig coolen Job“, versicherte Jana, als würde sie ihre Skepsis riechen. „Er hat als Rauschgiftspürhund bei der Polizei in Köln gearbeitet. Angeblich hat er gebissen, aber das war Notwehr. Er hat auch nicht richtig gebissen sondern nur festgehalten. Es war halt Pech, dass er den Sohn des Staatsanwalts erwischt hat. Der saubere Herr Papa hat sogar versucht einen gerichtlichen Beschluss zu erwirken, dass er eingeschläfert wird, aber das geht natürlich gar nicht. Immerhin hat er durchgedrückt, dass Mannix nochmal einen Eignungstest machen musste, dabei ist er durchgefallen, und sein Hundeführer hat ihn abgeben müssen, weil er sich mit dem neuen Hund nicht vertragen hat.“
„Und wie bist du auf die Idee gekommen, dir einen bissigen Polizeihund anzuschaffen?“
„Er ist nicht bissig. Und ich hab ihn mir auch nicht angeschafft.“
Mannix lag wie hingegossen auf der Yogamatte. Den Kopf auf die Pfoten gebettet, blickte er durch die Balkontür in den Garten, aber weder die Vögel, die über den Rasen hüpften, noch der dicke Nachbarskater, der gerade versuchte, sich unter der Ligusterhecke durchzuquetschen, schienen ihn zu interessieren. Vielleicht konnten Hunde ja doch depressiv sein.
„Marlene hat ihn aufgenommen, weil sie mit Timo zusammen ist, und Timo kann ihn ihn nehmen, weil im Studentenwohnheim keine Hunde erlaubt sind. Er hat Mannix schon gekannt, als er noch ein Welpe war und er sagt, bevor Bodo ihn ins Tierheim bringt, soll er ihn lieber erschießen weil er allein in einem Zwinger, von den Menschen, die ihm etwas bedeuten, verraten und verlassen, elend zugrunde gehen würde.“
„Ach so.“ Sonja verzichtete darauf, zu fragen, wer Marlene, Timo und Bodo waren. „Und wie kommt er jetzt zu dir?“
„Marlene und ich wohnen in derselben WG, daher kennt Mannix mich auch ein bisschen, und dieses Wochenende ist sie mit Timo nach Amsterdam gefahren. Dahin können sie ihn natürlich nicht mitnehmen.“
„Als ehemaliger Drogenschnüffler, würde er dort vermutlich durchdrehen.“
„Ach, Mama!“ Jana bedachte sie mit einem empörten Blick. „Du sollst dich nicht über ihn lustig machen. Sie konnten ihn nicht mitnehmen, weil sie kein Auto haben und mit dem Zug gefahren sind, und im Zug müssen Hunde Leine und Maulkorb tragen.“
„Was ja auch ausgesprochen sinnvoll ist.“ Sonja erinnerte sich nur zu gut daran, wie unbehaglich sie sich fühlte, wenn der Mann mit dem zotteligen Schäferhund in den Zug stieg, der zum Glück immer nur von Rheinbrohl bis nach Hönningen fuhr. Vielleicht sollte sie ihm sagen, dass Hunde im Zug einen Maulkorb tragen mussten, wenn sie ihn das nächste Mal sah.
„Wenn du einen Kläffer dabei hast, der nie gelernt hat, wie man sich in der Öffentlichkeit benimmt, ist das sicher sinnvoll. Aber Mannix ist ein top ausgebildeter Begleithund. Er weicht keinen halben Meter von deiner Seite und ignoriert andere Hunde, Kinder, Katzen, Tauben …“ Sie zog die Schultern hoch. „Absolut easy. Aber seit Mannix aus dem Polizeidienst entlassen wurde, läuft er keinen Schritt mehr an der Leine, und mit Maulkorb läuft er erst recht nicht. Vermutlich ist das unter seiner Würde.“
„Wenn du meinst …“ Sonja konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es die Würde eines Hundes verletzen könnte, eine Leine zu tragen.
„Wenn du mir nicht glaubst, kannst du es gerne ausprobieren. Die Leine hängt an der Garderobe. Zieh sie Mannix an und geh mit ihm raus. Oder versuch es wenigstens.“
„Und was passiert dann?“
„Nichts. Er legt sich hin und rührt sich nicht mehr von der Stelle bis du ihm das Ding wieder ausziehst.“
Bevor Sonja dazu etwas sagen konnte, patschen eilige Schritte die Kellertreppe hoch.
„Isses tatsächlich schon zehn?“ Joshua blinzelte in den sonnigen Frühlingsmorgen. Mit seinen halb zugekniffenen Augen und dem zerrauften Blondschopf sah er aus wie ein junger Uhu, der aus dem Nest gefallen war.
Jana rümpfte die Nase. „Es ist fünf vor neun, und du riechst, als müsstest du dringend unter die Dusche oder wenigstens die Zähne putzen.“
„Mich musst du nicht erziehen, Frau Sozialarbeiterin“, schoss er zurück. „Ich bin keins von deinen Mädels. Und das mit der Zeitumstellung hast du offenbar immer noch nicht kapiert.“
„Die Zeit wird erst nächsten Sonntag umgestellt“, mischte sich Sonja ein, bevor es zu einem Streit kommen konnte. „Wir haben tatsächlich erst fünf vor neun.“
„Ah, gut.“ Joshua wirkte erleichtert. „Um zehn bin ich mit Leon und TikTok zum Battle Royal verabredet. Unsere Chancen stehen gar nicht schlecht, und die zwei wären ziemlich angepisst, wenn ich sie hängen lassen würde. Gibt’s vorher noch Frühstück, oder soll ich mir selbst was machen.“
„Wenn du duschen gehst, machen wir inzwischen Frühstück“, schlug Sonja vor. „Laura und Papa müssten auch jeden Moment runterkommen.“
„Meinetwegen.“ Der junge Uhu machte kehrt und schickte sich an, in seine Schlafhöhle zurückzukehren. „Warum sagst du eigentlich immer noch Papa wenn du über deinen Mann redest? Mir hat er schon vor vier Jahren gesagt, dass ich ihn Klaus nennen soll.“
„Weil …“ Sie zog die Schultern hoch und schüttelte den Kopf, um anzudeuten, dass ihr beim besten Willen kein triftiger Grund dafür einfiel. Aber es schien sowieso nur eine rhetorische Frage gewesen zu sein, auf die ihr pubertierendes Nesthäkchen keine Antwort erwartete. Jedenfalls stapfte er mit schweren Schritten zurück in sein unterirdisches Reich. Das Knallen seiner Badezimmertür schallte durchs ganze Haus. Kopfschüttelnd wandte sich Sonja an ihre Tochter. „Hilfst du mir, das Frühstück zu machen?“
„Würde ich gerne, aber zuerst muss ich mit Mannix raus.“ Mit diesen Worten verschwand sie nach oben und ließ ihre Mutter mit dem Hund allein. Als sie im großen Bogen hinter ihm vorbei in die Küche ging, ignorierte er sie tatsächlich. Vielleicht war es tatsächlich ihre Yogaübung gewesen, die ihn irritiert hatte. Vermutlich hatte er noch nie einen Menschen gesehen, der auf Händen und Füßen stand und seinen Hintern in die Luft reckte. Erstaunlich fand sie, dass er auch das Klappern der Teller, Bestecke und Kaffeebecher ignorierte, erstaunte sie sehr. Der Hund einer Freundin drehte immer völlig durch, wenn sie in der Küche mit Essen hantierte. Vielleicht hatte Mannix als Polizeihund gelernt, alles zu ignorieren, was einen normalen Hund begeisterte, damit ihn kein Drogenschmuggler bestechen konnten. Während sie einen Topf mit Wasser auf den Herd stellte, kam Jana im Jogging-Outfit die Treppe herunter.
„Magst du auch ein Frühstücksei?“ Sie wusste, dass Klaus ein wachsweiches Ei zum Frühstück wollte, Laura überhaupt keine Eier mochte, und Joshua am liebsten fünf Spiegeleier gegessen hätte. Aber bei ihrer jüngeren Tochter konnten sich die kulinarischen Vorlieben von einem Tag auf den anderen um hundertachtzig Grad drehen, je nachdem, ob sie gerade einen Artikel über das Hühnerelend in den Legebatterien gelesen oder ihre Fitness verbessern wollte und gehört hatte, dass Hühnereiweiß für den Muskelaufbau unerlässlich war.
„Sie stammen von freilaufenden Hühner, die ich persönlich kennengelernt habe“, fügte sie sicherheitshalber hinzu.
„Für mich bitte kein Ei.“
Der Jogginganzug konnte also nichts mit einer akuten Fitness-Phase zu tun haben.
„Ich bin dann mal weg.“
„In zwanzig Minuten können wir essen.“ Oben hörte sie eine Dusche rauschen. Laura oder ihr Mann war also schon aufgestanden, und da beide nicht in der Lage waren, ihre Kleiderschränke geräuschfrei zu schließen, war es nur eine Frage von Minuten, bis der oder die andere auch wach war.
„Bis dahin bin ich vermutlich wieder da. Fangt einfach an, wenn länger dauert. Komm, Mannix. Wir gehen raus.“ Sie klapperte im Flur mit dem Halsband, bevor sie es in die Jackentasche steckte.
Der Hund lag reglos auf der Yogamatte und starrte hinaus in den Garten.
„Komm, Großer.“ Sie knisterte mit einer Alutüte, die vermutlich Leckerchen enthielt, aber Mannix zuckte nicht einmal mit den Ohren. Konnten Hunde doch depressiv sein? Verstohlen beobachtete sie, wie Jana noch einmal ins Wohnzimmer zurück eilte, neben dem Dobermann in die Hocke ging und seinen Nacken kraulte.
„Komm, mein Schatz, wir gehen jetzt raus. Die Sonne scheint, die Vögel singen, und wir drehen wenigstens eine kurze Runde. Ich will, dass du auf jeden Fall schon mal dein kleines Geschäft erledigt hast, bevor es Frühstück gibt.“
Immerhin hob er jetzt den Kopf. Vielleicht hatte ihn das Wort Frühstück aus seiner Lethargie aufgeweckt, aber es reichte nicht, um ihn zum Aufstehen zu bewegen.
„Pass mal auf Mannix.“ Sie erhob sich wieder, und steckte ihre linke Hand in die Tasche. „Was glaubst du, was ich da habe?“ Es knisterte und raschelte leise. „Komm und hol’s dir.“ Sie machte aus dem Stand einen Satz nach hinten, und duckte sich, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie den Hund anspringen oder vor ihm davonlaufen sollte. Er sprang auf und schien ebenfalls zum Sprung anzusetzen.
„Guter Junge. Auf gehts!“ Sie machte auf dem Absatz kehrt, klatschte mit der linken Hand gegen ihren Oberschenkel, hopste über den Korb mit den Zeitungen und eilte mit flotten Schritten in Richtung Flur.
„Was machst du da?“, staunte Joshua, der unbemerkt dazu gekommen war.
„Ich motiviere Mannix, mir zu folgen.“ Mit dem Hund an ihrer Seite joggte sie den Flur entlang und
bevor noch jemand etwas sagen konnte, fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
„Es war jedenfalls ein geiler Moove“, stellte ihr Bruder mit einem anerkennenden Nicken fest.
„Habt ihr euch überlegt, was wir dieses Jahr an Ostern machen?“ Sonja blickte erwartungsvoll in die Runde. Sie freute sich auf das lange Wochenende mit der ganzen Familie und hatte schon kurz nach Weihnachten ein Ferienhaus in einem holländischen Park gebucht. Hier gab es für jeden das passende Programm: Sie und ihr Mann konnten in einem der größten und artenreichsten Naturschutzgebiete an der Nordsee endlich wieder einmal lange Spaziergänge machen, für die Mädchen gab es Leihfahrräger und gut ausgebaute Radwege bis ins nahe gelegene Amsterdam und kostenloses W-Lan für den Pubertisten. Es gab eine riesige Wellness-Abteilung für die Damen, ein noch größeres Spaß- und Erlebnisbad für die Herren und das Wattenmeer für die ganze Familie. Natürlich würde keiner dahin wollen, aber sie würden schnell feststellen, dass die Unterkünfte an ihren Wunschzielen längst ausgebucht waren. Bevor sie gar nicht in Urlaub fahren konnten, würden sie lieber nach Holland fahren, und am Ende begeistert feststellen, dass man nächstes Jahr unbedingt wieder hierherkommen müsste.
„Bei mir wird es dieses Jahr an Ostern schwieriger, als ich gedacht hatte“, stellte Klaus mit einem bedauernden Seufzen fest. „Mein Sender will unbedingt noch drei Folgen abdrehen, und sie haben meine Patienten nur für den Samstag festnageln können. Aber ihr könnt natürlich gerne ohne mich fahren.“
„Ohne dich ist es nicht dasselbe“, maulte Jana.
„Vielleicht kannst du nachkommen“, schlug Sonja vor. „Wir könnten uns auf ein Ziel einigen, das nicht allzu weit von Hamburg entfernt ist.“ Ein Flug von Amsterdam nach Hamburg und zurück sollte sogar am Karsamstag noch zu kriegen sein.
„Ich kann auch nicht“, verkündete Laura. „Ich habe einer Freundin versprochen, dass wir einem Last-Minute-Kurztrip in irgendeine größere Stadt zusammen machen. Es geht ihr gerade nicht so gut, und sie braucht unbedingt mal einen Tapetenwechsel.“
„Wir könnten sie mitnehmen.“ In den beiden Schlafzimmern ganz oben in der Spitze des Dachs standen jeweils zwei Betten. In weiser Voraussicht hatte Sonja die Unterkunft so gewählt, dass ihre Töchter das Zimmer nicht miteinander teilen mussten.
„Ich würde über Ostern lieber in Bonn bleiben“, überlegte Jana. „Dann kann ich mir noch ein paar Dienste eintragen lassen und Mannix mit in die Gruppe nehmen. In den Ferien sind immer nur zwei oder drei Mädchen da, dann ist es ruhiger. Marlene hat darüber nachgedacht, ob wir ihn vielleicht zum Therapiehund ausbilden können. Dann hat er wieder eine Aufgabe, und wir haben ein spannendes Thema für unsere Abschlussarbeit.“
„Ich fahr nicht mit.“ Mit einem energischen Ruck schob Joshua seinen Stuhl zurück. „Ich bin zu alt für Was-sind-wir-doch-für-eine-glückliche-Familie-Ferien.“
„Mit fünfzehn ist man aber noch nicht alt genug, um selbst zu bestimmen, wo man seine Ferien verbringt.“ Sie wusste genau, dass eine verständnisvolle Teenagermutter nicht in diesem Ton mit ihrem Sohn reden durfte, aber irgendwie musste sie ihren Frust loswerden, dass der gemeinsame Urlaub, den sie an Weihnachten beschlossen hatten, sang- und klanglos gestrichen werden sollte.
„Ich bin fast sechzehn.“ Er zog er die Kapuze seines Sweaters über den Kopf und trat den Rückzug in seine Wohnhöhle an.
„Bitte bleib hier und lass uns darüber reden. Ich weiß, das war eben nicht nett von mir, aber vielleicht finden wir eine Lösung.“
„Ich bin verabredet.“ Mit diesen Worten stapfte er die Treppe hinunter. Sonja warf ihrem Mann einen hilfesuchenden Blick zu. Als Fernsehtherapeut und Vater, sollte er doch in der Lage sein, die unerträgliche Spannung am Frühstückstisch mit ein paar klugen Worten aus der Welt zu schaffen. Doch Klaus war so damit beschäftigt, die Schalen seines Frühstückseis von der Tischdecke zu sammeln und in seinen Eierbecher zu krümeln, dass er den Abgang seines Sohns offenbar gar nicht registriert hatte.
„Ich geh dann auch mal.“ Jana stellte wenigstens noch ihren Teller auf den von Joshua und legte die Bestecke darauf, bevor sie sich dem Hund zuwandte, der genau dort lag, wo Sonja vorhin ihre Yogamatte ausgerollt hatte. „Auf geht’s, Mannix. Komm, mein Großer. Wir gehen spazieren.“
Diesmal zuckte Mannix immerhin mit dem Ohr, als er gerufen wurde.
„Ich habe vorhin eine ehemalige Klassenkameradin getroffen. Sie wohnt ein paar Wochen lang bei ihrer Mutter, damit sie mehr Ruhe für ihre Doktorarbeit hat, und wir haben verabredet, dass wir mit Mannix auf die Hundewiese gehen, Vielleicht findet er jemanden, mit dem er ein bisschen spielen oder wenigstens ein paar Runden rennen kann. Dann hat er auch mehr Appetit.“
„Ja klar. Bist du zum Mittagessen wieder da? Es gibt Hähnchenschenkel, Pommes und Salat.“ Sie hatte das allseits beliebte Campingplatz-Essen eigentlich schon für gestern abend vorbereitet, um Erinnerungen an die Ferienparadiese ihrer Kindheit zu wecken.
„Ich bin nicht da“, grätschte Laura dazwischen. „Das hat aber nichts mit dem Essen zu tun. Ich bin mit Elisa verabredet, um das Klassentreffen vorzubereiten. In Neuwied hat ein Japaner aufgemacht. Den wollen wir ausprobieren.“
„Na gut, dann essen wir halt ohne dich.“ Sonja bemühte sich, ihre Enttäuschung nicht zu zeigen, aber sie wusste selbst, dass ihr das nicht besonders gut gelang. Jana warf einen Blick auf die Uhr. „Um halb zwei bin ich wieder da. Ich hoffe, das ist dir nicht zu spät.“
„Halb zwei ist für mich in Ordnung. Und was ist mit dir?“, fragte sie ihren Mann.
„Kein Problem. Wir haben ja erst gefrühstückt.“
„Und Joshua …?“
„Dem bringe ich eine Portion runter“, schlug er vor. „Ich vermute, in seiner Welt ist es ein absolutes NoGo, eine Kampfpause einzulegen, um mit der Familie zu Mittag zu essen.“
„Ja.“ Sonja seufzte vernehmlich. „Das vermute ich auch.“
Er nickte schweigend, schnitt sich eine Scheibe von dem holländischen Frühstückskuchen ab, bestrich sie dick mit Butter, goss sich noch eine Tasse Kaffee ein und rührte einen Löffel Zucker hinein. Sonja war eigentlich schon satt, aber zur Gesellschaft nahm sie sich auch noch ein Stück Kuchen.
„Fast so gut wie das Original.“ Anerkennend reckte er den Daumen in die Höhe
„Aber nur fast.“ Dass sie inzwischen allein am Frühstückstisch saßen, gab ihr die Chance, ihr Anliegen zur Sprache zu bringen, ohne dass sie bei jedem Satz dreimal unterbrochen wurde. „Ich würde gerne mal wieder in Holland Urlaub machen.“
„Na klar, warum denn auch nicht? Nimm dir ein paar Tage frei und fahr einfach los. Such dir unterwegs ein nettes Hotel und lass dir den Seewind um die Ohren pusten.“
„Das meine ich nicht. Ich würde gerne mit der ganzen Familie wenigstens über die Feiertage …“
„Fünf Personen unterzubringen ist gar nicht so einfach. So kurzfristig kriegen wir sicher nichts mehr.“
„Ich hab schon was gefunden. Ein Haus direkt am Meer, mit einer großen Wohnküche, einer Couchecke mit offenem Kamin, vier Schlafzimmern und zwei Bädern. Es liegt in einem Wohnpark und …“
„Vergiss es.“ Er winkte ab und schüttelte den Kopf. „Ich muss am Samstag in Hamburg sein.“
„Du könntest am Samstagmorgen mit dem Flugzeug von Amsterdam nach Hamburg fliegen und am Samstagabend zurückkommen.“
„Das wird mir zu stressig. Außerdem wollen die Mädchen sowieso nicht mitfahren und Joshua wird seine Ferien vermutlich auch lieber in seiner Zockerhöhle verbringen.“
„Wir hatten ausgemacht …“
„In meinem Sender haben sie die Termine kurzfristig ändern müssen.“ Bedauernd breitete er die Arme aus und ließ sie wieder fallen. „Wollen wir uns für die Pfingstferien etwas vornehmen?“
„Ich weiß nicht, ob das Haus an Pfingsten noch frei ist oder ob ich etwas anderes finde, was groß genug für uns ist.“
„Was hältst du davon, wenn ich mich darum kümmere? Irgendwo gibt es sicher noch ein Hotel am Meer, das genug Zimmer für unsere streitbare Brut hat.“
„Hotels sind so teuer.“
„Wir nehmen am Samstag zwei zusätzliche Freitagabendformate auf. Die werden wesentlich besser bezahlt als das Frühstücksfernsehen.“
„Von mir aus muss es nicht unbedingt am Meer sein, ich würde auch gerne mal wieder wandern. Jana und Laura kannst du mit einem Wellnesspaket locken und Joshua braucht nur ein schnelles Wlan, um sich an jedem Ort der Welt zuhause zu fühlen.“
„Ich kümmere mich darum.“ Er stand auf und schickte sich an, nach oben zu gehen. „Sag das Haus ab und such dir über Ostern etwas Nettes für dich allein. Meer, Wellness, Wandern, was immer du magst. Das wäre doch auch eine gute Gelegenheit, um zu testen, ob unser Halbstarker tatsächlich schon so selbstständig ist, wie er immer meint.“