21.07.2017

 Zweifel

 

Bevor die Henne ihr Ei ausgebrütet hat, schlüpfen die Zweifel. Das behauptet nicht nur ein russisches Sprichwort, sondern auch meine ganz persönliche Erfahrung mit neuen Projekten.

Kaum dass ich meinen Entschluss, nach Santiago de Compostela zu pilgern, öffentlich gemacht habe, kommt Frau Zweifel aus ihrer Ecke gekrochen.

„Das schaffst du doch nie!“ flüstert sie. „Wenn du klug bist, vergisst du diesen Unfug einfach wieder, bevor du dich noch lächerlicher machst als du es ohnehin schon getan hast.“

Frau Zweifel ist ein missgünstiges, altes Weib. Das Leben hat ihr übel mitgespielt, und sie zahlt es ihm mit Schwarzmalerei auf höchstem Niveau heim.

„Wenn du unbedingt ein paar Kilometer Wanderwege platt treten musst, dann lass wenigstens diese blöden Viecher daheim. Ein echter Pilger trägt sein Gepäck gefälligst selbst.“

„Wenn Fahrräder, Esel und Pferde erlaubt sind, kann ich auch mit meinen kleinen Kamelen pilgern“, entgegne ich störrisch.

„Ach Gottchen, ja doch.“ Sie will sich vor Lachen ausschütten. „Die haben dich ja überhaupt erst auf diese bescheuerte Idee gebracht. Wie konnte ich das nur vergessen. Einfach nur pilgern kann jeder, Alpakas mit Jakobsmuscheln machen da natürlich schon ein bisschen mehr her. Außerdem kannst du ein Buch über deine Reise schreiben. Und mit den süßen Knopfaugen-Fluffis auf dem Cover macht es wenigstens was her. Sag mal, was willst du eigentlich auf dem hässlichsten Fernwanderweg Europas? Glaubst du wirklich daran, dass du dich gegen ein paar Blasen von deinen Sünden freikaufen und das Rundum-Sorglos-Paket für eine Vorzugsbehandlung im Fegefeuer buchen kannst?“

„Nein, natürlich nicht …“

„Dann sag mir bitte, warum du diesen Irrsinn überhaupt angefangen hast? Hast du sonst nichts zu tun? Soll ich dir die Gerümpel-Ecken zeigen, die unbedingt einmal ausgemistet und aufgeräumt werden sollten? Oder die Schmuddel-Ecken in eurer Praxis? Oder das halb aufgelöste Bücher-Lager? Ach ja, und wann schreibst du eigentlich deinen Roman fertig?“

„Ich, ähm …“ Bevor ich eine halbwegs plausible Antwort zusammenstottern kann, wendet sie sich mit einem verächtlichen Schnauben ab und kehrt kichernd in ihre Ecke zurück. Sie muss sich nicht die Mühe machen, mich weiter mit Fragen zu bombardieren, die ich sowieso nicht beantworten kann. Sie weiß, dass ihre giftige Saat längst aufgegangen ist.

Ich ertappe mich dabei, dass ich darüber nachdenke, wie ich ohne Gesichtsverlust wieder aus dieser Sache herauskomme. Den Gedanken schiebe ich natürlich weit von mir, aber er weicht mir einfach aus und kommt von der anderen Seite zurück.

Und wenn es mit den Alpakas wirklich nicht geht? Wenn sie sich nicht als Zugtiere eignen? Wenn sie nicht einmal fünfzehn geschweige denn zwanzig Kilometer am Tag schaffen? Wenn wir hinter Speyer keine geeigneten Unterkünfte mehr finden?

Um mich von der Gebetsmühle des Zweifels in meinem Kopf ein bisschen abzulenken, lese ich das nächste Kapitel in dem Buch von Tim Moore, der mit dem Esel Shinto nach Santiago de Compostela gepilgert ist. Leider ist das Buch nicht dazu geeignet, mir wieder Mut zu machen. Äußerst plastisch schildert der Autor seine Probleme beim Überqueren von Brücken, beim Erklimmen von Treppen und bei der Suche nach eseltauglichen Unterkünften. Wenn ich mir meine Drachenpferdchen in einem distelüberwucherten Klostergarten oder vor einer Bäckertüte mit trockenen Broten vorstelle, weiß ich auch, warum ich diesen Irrsinn beenden muss, bevor er überhaupt begonnen hat.

Alpakas fressen nämlich keine Disteln, und trockenes Brot oder Haferflocken dürfen sie sowieso nicht fressen!

 

„He, psst!“, flüstert eine jüngere Stimme aus einer anderen Ecke meiner Gedanken. „Der Jakobsweg ist ein Abenteuer. Wenn du kneifst, bevor du den Fuß vor deine Tür gesetzt hast, wirst du dich immer fragen, ob es nicht vielleicht doch zu schaffen gewesen wäre, wenn du nur den ersten Schritt gewagt hättest …“