August, 2012

Pippin

 

 

Am ersten sonnigen Nachmittag nach einer Reihe trüber Spätsommertage schleppte ich ein Tablett mit Tassen, Tellern und Kuchen in den Garten, um mit einer Freundin im „grünen Salon“ Kaffee zu trinken. Der Buchsbaum auf dem Grab unseres unlängst verstorbenen Schäferhundes, hatte vor dem Herbst noch einmal kräftig ausgetrieben und plötzlich erinnerte ich mich an einen anderen Hund, den wir viele Jahre zuvor hier oben begraben hatten.

„Was ist eigentlich ein Spirittier?“, fragte meine Freundin genau in diesem Moment.

„Pippin“, antworte ich wie aus der Pistole geschossen.

Sie schaut mich fragend an.

„Pippin war ein sechs Monate alter Hundeflegel, als er von meiner alten Hündin adoptiert und von einem Arbeitskollegen aufgenommen wurde. Bereits ein Jahr später starb er bei einem Ausflug mit den Kindern, weil er unbedingt ein Krafttier werden wollte. Sein Grab ist irgendwo hier oben.“

„Oh …“ Meine Freundin machte einen kleinen Schritt beiseite. „War es ein Unfall?“

„Vermutlich hat er allergisch auf ein Pflanzenschutzmittel reagiert. Er zitterte plötzlich am ganzen Leib und keuchte wie bei einen Asthmaanfall. Mein Kollege hat ihn sofort zum Tierarzt gefahren, aber als sie dort ankamen, war Pippin schon tot.“

„Und euer Ausflug?“

„Damals hatten wir noch keine Handys. Wir wussten also nicht, was passiert war,  aber ich hatte kein gutes Gefühl. Um die Jungs ein bisschen abzulenken ich ihnen die Geschichte, die mir ein Indianer bei den Vorbereitungen zu einer Schwitzhütte erzählt hatte.“

„Und?“

„Als mein Kollege schließlich zurückkam…“

„Das meine ich nicht. Ich meine die Geschichte. Was für eine Geschichte hat er dir erzählt?“

„In der Tradition seines Stammes gibt es viele Geschichten über Menschenseelen, die von einem Leben ins nächste wandern, aber die Seelen der Bäume und Tiere kehren nach ihrem Tod zu Mutter Erde zurück und werden ohne jede Erinnerung in einer anderen Form wiedergeboren. Wenn ein Tier seine persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen über den Tod hinaus mitnehmen will, muss es zum Spirittier wird.“

„Wie geht das?“

„Wenn es sein Leben in der Gegenwart eines Menschen beendet, der sich auch nach Wochen oder Monaten noch mit Liebe und Dankbarkeit an das Tier erinnert, fließt seine Seele nicht mehr zurück in die Quelle der Schöpfung. In der Erinnerung dieses Menschen findet sie ihre unsterbliche Gestalt in der sie frei durch die Welt der Spirits reisen kann. Früher waren das vor allem die Beutetiere, die von den Jägern geehrt wurden. Seit die Menschen angefangen haben, Tiere ohne Herz und Verstand abzuschlachten, ist es für ein Haustier leichter, zum Spirittier werden.“

Skeptisch blickte meine Freundin zu dem Buchsbaum hinüber.

„Um die Jungs von ihrem Kummer abzulenken, bat ich sie, oft an die glücklichen Stunden mit Pippin zu denken und auch auf ihre Träume zu achten. Natürlich erzählten sie mir in den nächsten Tagen, wie sie im Traum mit Pippin spazieren gegangen waren oder gespielt hatten, sie sammelten sogar für einen Grabstein. Das Geld brachten wir noch gemeinsam in ein Tierheim, dann kam der Sommer und über  Schwimmbad und Eiswagen geriet Pippin allmählich in Vergessenheit.“

Meine Freundin seufzte. „So geht es uns allen. Wenn wir sterben, reißen wir ein großes Loch in den Kreis unserer Familie und Freunde. Alle denken, das Leben würde ohne uns nicht weitergehen und bevor sich die Welt einmal um die eigene Achse gedreht hat, haben sie uns doch vergessen. Meinst du, Pippin hat es trotzdem geschafft?“

„Es ging bereits auf den Herbst zu, als einer meiner Jungs aufgeregt aus der Schule gestürmt kam.

‚Jetzt weiß ich endlich, wo meine Bücher und mein Teddy sind‘, brüllte er mir schon auf der Treppe entgegen. ‚Mike und Thomas haben sie damals auf dem Speicher versteckt. Pippin hat mich heute Nacht im Traum hingeführt.‘

Die Bücher und der kahlgeliebte Plüschbär waren vor mehr als drei Jahren spurlos verschwunden. Das verstörte Kind, das nach dem Unfalltod seiner Eltern von den Großeltern ins Internat gebracht worden war, hatte sich zu einem hochaufgeschossenen Teenager gemausert und von den beiden Flegeln, die damals Stein und Bein geschworen hatten, von der Existenz der Kinderschätze nicht einmal etwas geahnt zu haben, studierte der eine Theologie und der andere Jura.

‚Die Sachen können gar nicht auf dem Speicher sein‘, stellte ich achselzuckend fest. ‚Die Türen sind immer abgeschlossen und…‘

‚Letztens war die Tür in der Oberstufe doch auch offen‘, protestierte der Junge.

Der Hausmeister hatte wohl vergessen, abzuschließen und als Wochen später zwischen verstaubten Möbeln und Reservedachziegeln eine illegale Raucherecke entdeckt worden war, war ein empörter Aufschrei durch die Pädagogenfront gegangen.

‚Vielleicht war der Speicher damals auch offen gewesen.‘

Um meine Geschichte nicht Lügen zu strafen, überredete ich den Hausmeister zu einer Expedition in das geheimnisvolle Reich über dem alten Gemäuer. Hinter den geschnitzten Türen eines gewaltigen Schreibtischs fanden wir tatsächlich die Abenteuer der drei Fragezeichen und den abgewetzten Teddy. Mit feuchten Augen schloss der Teenager seinen Plüschfreund aus Kindertagen in die Arme.

‚Danke, Pippin.‘ Als er sich einen Moment unbeobachtet fühlte, fischte er eine Handvoll Leckerlis aus seiner Hosentasche und ließ sie blitzschnell hinter dem Schreibtisch verschwinden.“