15. Januar 2017

Der erste Schritt

 

„Kriege, Terror, Mord und Totschlag wohin man auch schaut!“ So oder so ähnlich maulte ich bei einem Telefonat mit einer klugen, alten Dame, mit der ich bis vor ein paar Jahren zusammen gearbeitet habe. „Dabei könnte die Welt so ein schöner Platz sein.“

„Und was tust du dafür?“, fragte sie prompt zurück.

„Wofür?“ Ich wusste nicht gleich, worauf sie hinaus wollte.

„Was tust du dafür, dass die Welt der schöne Platz wird, der sie sein könnte.“

„Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich …“

„Nein!“, unterbrach sie mich mit einer Vehemenz, die früher ihren Schülern vorbehalten war. „Ich will nicht wissen, was du tun würdest, wenn du reich oder mächtig wärst. Ich will wissen, was du tust, damit aus der Welt ein schöner Platz für dich und mich und alle möglichen Leute wird.“

„Ich …?“ Ich erinnere mich, dass mir das Lachen fast in der Kehle stecken geblieben wäre. „Was soll ich denn schon tun? Ich bin doch nur ein ganz kleines Kirchenlicht.“

„Hast du nicht schon vor Jahren darüber nachgedacht, den Jakobsweg zu gehen? Ich denke, dass das genau die richtige Zeit dafür ist.“

„Und was sollte sich in der Welt ändern, wenn ich wie hunderttausend andere seit Liza und Hape nach Santiago di Compostela pilgere?“

„Ich weiß nicht, was sich dadurch ändert, dass du gehst. Aber ich weiß, dass sich nichts ändert, wenn du nicht gehst.“

Ich habe meine ehemalige Kollegin schon immer für ihre ebenso einfache wie bestechende Logik bewundert …

Im Verlauf der nächsten halben Stunde kamen wir gemeinsam zu dem Schluss, dass sich weder für mich noch für die Welt sehr viel ändern würde, wenn ich den Jakobsweg wie hunderttausend andere Pilger-Touristen mit sechs Wochen Sommerferien und einer gut durchgeplanten Route im Gepäck  gehen würde. Ich musste ihn auf meine Weise gehen.

„Dann gehe ich mit meinen Tieren.“ Alpakas sind zwar nicht die unermüdlichen Wanderer oder die unerschütterlichen Gepäckträger wie ihre größeren Verwandten, aber es macht Spaß, in Gesellschaft dieser freundlichen, kleinen Kamele unterwegs zu sein.

„Gute Idee“, stimmte meine ehemalige Kollegin begeistert zu. „Und du musst natürlich über deine Reise berichten.“

„Na klar, ich erzähl dir gelegentlich gerne, ob oder wie es weitergeht.“

„Ähm, nein.“ Offenbar hatte ich sie nicht richtig verstanden. „Ich meine damit nicht, dass du mir, deinen Freunden oder deiner Familie von deinen Abenteuern berichtest - wenigstens nicht nur - sondern du sollst irgendwie öffentlich darüber, so dass dich ganz viele Leute lesen können, wenn sie das wollen.“

„Wie kommst du denn auf die Idee?“

„Erstens gehört das Schreiben zu deiner Art, zweitens ist es umso schwerer, den Rückzieher zu machen je mehr Leute davon wissen, dass du gehen willst, und drittens ist es wahrscheinlicher, dass du mit deinem Jakobsweg die Welt etwas schöner machst, wenn du darüber berichtest. Meinst du nicht, dass du wenigstens einige Leser dazu inspirieren könnest, auf die Suche nach ihrem eigenen Jakobsweg zu gehen und die Welt auf ihre Weise ein bisschen schöner zu machen …“

Seit diesem Telefonat sind einige Wochen vergangen. Aus einer verrückten Idee wurde ein Traum, und aus dem Traum will allmählich ein konkreter Plan werden.

Ich habe beschlossen, dass ich den Jakobsweg im Verlauf der nächsten Jahre etappenweise gehen will. Wann immer es passt, nehme ich mit meinen vierbeinigen Begleitern ein Stückchen Weg unter die Füße, wenn wir unser Etappenziel erreicht haben, lassen wir uns abholen und nach Hause fahren, bei nächstpassender Gelegenheit geht es dann mit dem nächsten Stückchen Weg weiter.

Außerdem habe ich beschlossen, dass mein ganz persönlicher Jakobsweg im kommenden Frühling vor unserer Haustür bzw. einen Kilometer weiter in einer kleinen Wehrkirche aus dem dreizehnten Jahrhundert beginnt.

Und ich habe beschlossen, (unter anderem auch) auf diesen Seiten von meinem Welt-Verschönerungs-Projekt zu berichten. Vielleicht kommen ja ein paar Sucher, Träumer, Spinner und kluge Menschen vorbei, die sich von meinen Berichten dazu inspirieren lassen, ihren eigenen Jakobsweg zu gehen …