Juli 2012:

Ameisensorgen und Grashüpfersehnsucht

 

 

Vermutlich kennen die meisten Leser die Fabel des römischen Dichters Äsop oder die Übertragung durch la Fontaine: Die Ameise und die Heuschrecke.

 Für mich war die Geschichte schon immer ein Bild für den unüberbrückbaren Widerspruch zwischen den „Grillen“ der Autorin, die ich sein wollte und meiner Ameisenangst vor schlechten Tagen in einer fernen Zukunft. Als  ich nach den ersten Erfolgen diverser Illustriertengeschichten mit dem Gedanken spielte, meinen Job als Sekretärin zu kündigen und mein Brot fortan als freiberufliche Krimiautorin und Texterin zu verdienen, litt ich plötzlich unter heftigen Schlafstörungen. Es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, dass mir die Angst vor fehlenden Einzahlungen in die Rentenkasse und Altersarmut schlaflose Nächte bereitet hatte. Damals zog ich es vor, wieder eine feste Stelle in der Welt der rentenversicherten Ameisen zu suchen und die Grille von einem freien Wochenende auf die nächste Urlaubswoche zu vertrösten.

Nachdem ich beschlossen hatte, meine Ersparnisse nicht in eine sichere Zusatzrente sondern in ein eigenes Verlagsprojekt und eine Fortbildung zur Gestalttherapeutin zu investieren, meldete sich die Ameisenangst mit ihren Winterdepressionen und einem nahezu manischen Aktivismus zurück.  Mit der Unterstützung meines Partners und meines Erfolgsteams (nach Barbara Sher) ist es mir gelungen, drei Jahre lang hart am Wind zu segeln und auf Kurs zu bleiben. Vor zwei Wochen hat mir ein Traum das Happy End für meine altehrwürdige Dilemma-Geschichte zugespielt. Ich habe sie aufgeschrieben und in die Welt gegeben. Jetzt wissen Sie, wie diese Homepage zu ihren Maskottchen gekommen ist und ich bin gespannt ob die Geschichte tatsächlich die Kraft hat, meine Welt zu verändern …

Eine neue Geschichte von der Ameise und dem Grashüpfer

An einem Sommertag begegneten sich eine Ameise und ein Grashüpfer. Schwitzend und schnaufend schleifte die Ameise ein Löwenzahnblatt hinter sich her, das mindestens zehn Mal so lang war wie sie und sicher dreißig Mal so schwer.

„Was machst du da?“, wollte der Grashüpfer wissen.

„Ich sammle Vorräte für den Winter“, antwortete die Ameise. „Wenn der Nordwind über die Hügel pfeift gibt es bei mir Löwenzahnsuppe mit getrockneter Brunnenkresse oder Himbeerblättertee mit Ringelblüten und Johanniskraut.“

Lachend schüttelte der Grashüpfer den Kopf. „Worüber du dir Gedanken machst. Die Sonne brennt so heiß wie In Afrika. Das ist genau die richtige Zeit, um zu feiern.“ Er zog eine Mundharmonika hervor. „Hast du Lust auf ein Tänzchen?“

„Nein. Ich muss arbeiten.“ Die Ameise packte die schwere Last fester und krabbelte ihrer Wege.

An einem stürmischen Wintertag rührte die Ameise gerade die Kresse in ihre Löwenzahnsuppe, als es plötzlich an der Tür klopfte. Draußen stand der Grashüpfer. Er zitterte am ganzen Leib und sein Gesicht war mehr grau als grün.

„Mir ist furchtbar kalt“, sagte er. „Und hungrig bin ich auch. Hast du vielleicht ein warmes Plätzchen und etwas zu beißen für mich? Wenn ich mich ein bisschen aufgewärmt habe, mache ich mich sofort wieder davon.“

Nachdenklich legte die Ameise ihren Kopf schief. „Bist du nicht der Musikant, der im Sommer auf seiner Mundharmonika gespielt hat?“

„Genau der bin ich.“ Der Grashüpfer nickte eifrig. „Wir sind uns nur einmal begegnet und du warst so beschäftigt. Was für ein Wunder, dass du dich noch an mich erinnerst.“ Er hatte schon fast den Fuß auf die Schwelle gesetzt, als die Ameise die Tür vor seiner Nase zuschlug.

„Wenn du im Sommer gesungen hast“, rief sie ihm durchs Schlüsselloch zu, „kannst du im Winter tanzen.“

Durch das kleine Fenster neben der Tür sah die Ameise den Musiker um die Ecke schleichen. Der trübe Tag war fast vorbei und in der Nacht war mit den ersten Frost zu rechnen. Wenn er nicht bald ein Obdach fand, würde der Grashüpfer den nächsten Morgen nicht mehr erleben.

Ein eisiger Windstoß fauchte in die warme Stube, als die Ameise ihre Tür wieder aufriss. „Halt“, rief sie dem Grashüpfer nach.  „Warte! Vor dem Ofen ist genug Platz für dich und einen Teller Suppe habe ich bestimmt auch übrig.“

„Dich schickt der Himmel.“ So schnell er konnte, humpelte der Grashüpfer auf seinen froststarren Beinen über die Straße. „Wenn du dich meiner nicht erbarmt hättest, würde der Wind morgen früh auf meiner leeren Hülle einen Trauermarsch pfeifen.“

„Red keinen Unsinn, sondern komm rein“, entgegnete die Ameise kurzangebunden. „Sonst ist es in meiner Stube genauso kalt wie da draußen.“

Als der Grashüpfer am nächsten Morgen gehen wollte, fauchte der Ostwind durch den Wald.

„Bleib noch ein bisschen“, sagte die Ameise. „Wenn du da hinausgehst, stirbst du heute Morgen genauso sicher wie gestern Abend.“

Der Grashüpfer ließ sich nicht lange bitten. Vor dem warmen Ofen lag er bequemer als in einen Haufen welker Blätter, und die Vorratskammer der Ameise war gut gefüllt. Er versprach sich selbst und der Ameise, dass er sofort gehen würde, wenn der Wind aus der Tundra verstummt war. Doch nach dem Ostwind kamen der Schnee und der Frost.

Die harte Hand des Winters reichte nicht bis in die Hütte der Ameise. Ihre Kammer war so gut gefüllt, dass noch zwei Esser mehr von den Vorräten satt geworden wären und im Schuppen stapelte sich das Brennholz bis unter die Decke. Für den Fall, dass sich jemand die Füße vertreten wollten, gab es in den Truhen und Schränken wasserfeste Schuhe aus Bucheckern, dicke Pullover aus Pappelflaum, Handschuhe aus Spinnenseide und Mützen aus den Kätzchen eines Haselstrauchs.

Obwohl der sonderbaren Hausgemeinschaft nichts fehlte, wurde die Ameise immer schweigsamer. Die Arbeiten, die sie sonst flott erledigt hatte,  gingen ihr schwer von der Hand, um die Mittagszeit lief sie alle paar Minuten zum Fenster, blickte hinaus und wandte sich seufzend wieder ab.

„Was macht dich denn so missmutig?“, fragte der Grashüpfer, als die Ameise schon eine geschlagene halbe Stunde darüber geschimpft hatte, dass ihr die Suppe angebrannt war.

„Die Sonne.“ Nun konnte sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten.  „Ich kann die Sonne nicht mehr sehen.“

„Im Winter will sie von der Erde nichts wissen“, antwortete der Grashüpfer. „Aber deswegen musst du dir keine Sorgen machen. Sobald es Frühling wird, kommt auch die Sonne wieder zurück.“

„Wie soll ich an die Rückkehr des Frühlings glauben“, schniefte die Ameise, „wenn jeder Tag kürzer und dunkler ist als der vorige!“

Als die Ameise am nächsten Tag fortging, um frische Tannennadeln für das Weihnachtsfeuer zu holen, machte sich der Grashüpfer hurtig an die Arbeit. Zuerst setzte er einen Topf Wasser auf den Ofen. Dann bastelte spickte er einen leeren Korb mit Strohhalmen, dass er wie eine Stachelkugel aussah. Um sein Kunstwerk zum Leuchten zu bringen, stellte er eine Kerze hinein und ließ es an einem dicken Spinnenseidenfaden von der Decke herabhängen. Inzwischen war das Wasser heiß. Er rührte getrocknete Beeren, Apfelschalen, zwei geschrotete Haferkörner, Kamillenblüten, einen Löffel Honig und ein Stück von einem Rosenblatt hinein.

Als die Ameise schwer beladen von ihrem Ausflug zurückkam, duftete es in der Hütte wie auf einer Sommerwiese. Doch anstatt sich darüber zu freuen, brach sie in Tränen aus.

„Das ist nur Erinnerung an einen Sommer, der  längst vorbei ist“, schluchzte sie. „Wenn alle Vorräte aufgezehrt sind, gibt es keine Erinnerung mehr und keinen Sommer. Dann müssen wir alle beide verhungern.“

„Schau nur“, entgegnete der Grashüpfer. „Die Sonne kommt doch schon zurück.“

Mit großen Augen bestaunte die Ameise die kleine Sonne an ihrer Decke. Rasch zog der Grashüpfer seine Mundharmonika hervor und spielte die vielen Sommerlieder, die er kannte.

Draußen war es längst dunkel und ein eisiger Winterwind pfiff um die Ecken, als die Ameise und der Grashüpfer glücklich und zufrieden im Licht der Korbsonne vor dem warmen Ofen saßen und ihren Sommerpudding löffelten.